Freispruch!

Der Theaterbesuch in Bielefeld am 2.10.2016

von | Okt 4, 2016 | Theater

Am 2.10.2016 besuchten wir das Theaterstück “Terror” von Ferdinand von Schirach  in Bielefeld. 30 Vereinsmitglieder und -Interessenten erlebten einen spannenden Theaterabend. Inhalt:

Major Lars Koch, Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr, Typ Eurofighter, hat sich seinem Urteil zu stellen. Hat er richtig gehandelt, an jenem Tag, an dem er den Befehl erhielt, einen von Terroristen gekaperten Lufthansa-Airbus vom Kurs abzudrängen? An Bord von Flug LH 2047 von Berlin-Tegel nach München sind 164 Menschen. Nun nimmt die Maschine Kurs auf die Allianz-Arena. Dort findet an diesem Abend vor 70.000 Zuschauern das ausverkaufte Länderspiel Deutschland gegen England statt. Major Lars Koch muss reagieren. Wie lauten seine Befehle? Soll er, darf er die Passagiermaschine abschießen, wenn die Terroristen nicht einlenken? Die Uhr tickt und Lars Koch trifft eine Entscheidung.

Ferdinand von Schirach stellt in seinem ersten Theaterstück die Frage nach der Würde des Menschen. Darf Leben gegen Leben, gleich in welcher Zahl, abgewogen werden? Welche Gründe kann es geben, um ein Unheil durch ein anderes, vermeintlich kleineres Unheil abzuwehren? Und wer sind die Verantwortlichen? Oder ist es Lars Koch allein, der hier vor Gericht steht? Die Schöffen haben zu entscheiden.

– Kiepenheuer Bühnenvertrieb

Lars Koch hat die Maschine abgeschossen. Alle 164 Insassen sind tot. Damit hat er 70.000 Menschen im Stadion das Leben gerettet, aber auch dem Befehl der Verteidigungsministerin, abzudrehen, missachtet. Jetzt steht er vor Gericht, die Anklage lautet 164-facher Mord. Und die Zuschauer sind die Schöffen. Am Ende haben etwa zwei Drittel der Zuschauer für den Freispruch gestimmt. Von den Vereinsmitgliedern waren es sogar drei Viertel.

Was waren die Argumente?

Für den Freispruch:

  • 70.000 Menschen wurden gerettet. Dagegen ist die Zahl der geopferten Menschen sehr gering (164) und vertretbar.
  • Es ist zynisch Prinzipien oder Gesetze höher zu bewerten als das Leid von 70.000 Menschen.
  • Es gibt eine Art “Naturrecht“, dass über der Rechtsprechung steht und im Sinne des gesunden Menschenverstandes für den Abschuss der Maschine spricht.
  • Die gesetzliche Regelung, nach der Menschenleben nicht gegeneinander abgewogen werden dürfen, macht den Staat hilflos gegenüber Terroristen und führt in diesem konkreten Fall zu einem übergesetzlichen Notstand.
  • Es gibt ein Recht auf Notwehr, das es erlaubt, dass Menschenleben aus eigennützigen Gründen gegeneinander abgewogen werden. Es kann aber nicht sein, dass jemand, der, wie der Pilot, uneigennützig handelt, gegenüber jemandem, der eigennützig handelt, benachteiligt wird.

Für den Schuldspruch:

  • Die Vorgesetzten des Luftwaffenpiloten haben gar nicht erst versucht das Stadion zu räumen (was offensichtlich möglich gewesen wäre), da sie selbstverständlich davon ausgingen, dass ihr Kollege, der Angeklagte Lars Koch, die Maschine abschießen würde. Seine Meinung war im Leitstand bekannt und wurde von seinen Vorgesetzten und Kollegen geteilt.
  • Wäre ein Abwägen von Menschenleben erlaubt und möglich, wäre es auch denkbar, dass Menschen getötet werden sollten um z.B. Schwerstkranke, die auf Spenderorgane warten, zu retten.
  • Der Pilot hat sicherlich im Moment vor dem Abschuß außergewöhnlich heftige innere Konflikte durchlebt und starken Stress empfunden. Es ist zu vermuten, dass es sich bei der Entscheidung des Piloten, die Maschine abzuschießen, um eine Entscheidung handelte, die zu einem erheblichen Teil auf einer “emotionalen Schlussfolgerung” basierte und damit einer kognitiven Verzerrung unterlag.
  • Eine derartige Entscheidung kann nicht von einem einzelnen Menschen getroffen werden, denn damit würde dieser in die Lage versetzt, über Leben und Tot Anderer aufgrund subjektiver Bewertungen entscheiden. In der Tat hat der Pilot bei seiner Vernehmung argumentiert, die Passagiere des Jets seien zum Teil mitschuldig, da sie sich des Risikos, dass Flugzeuge entführt werden könnten und dann abgeschossen werden müssen, hätten bewusst sein müssen. Eine sicher subjektive und umstrittene Einschätzung des Piloten.
  • Laut Verfassung ist die Würde des Menschen unantastbar. Damit ist es Aufgabe des Staates zu verhindern, dass Einzelne oder Gruppen versuchen Menschenleben gegeneinander abzuwägen.
  • Das Vorgehen des Piloten widerspricht dem Gewaltmonopol des Staates. Der Pilot hat gegen des Befehl der Verteidigungsministerin gehandelt und handelte somit als Privatperson.

Das Stück

Bei der Beweisaufnahme und bei den Plädoyers war die Reihenfolge die gleiche: Zuerst wurden die Argumente für einen Schuldspruch vorgetragen, anschließend die für den Freispruch. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass dies die eine oder die andere Seite bevorzugt hat. Die Rollen der Staatsanwältin und des Verteidigers wurden in jeder Hinsicht gegensätzlich  verwirklicht:

Staatsanwältin Verteidiger
weiblich männlich
vernünftig gefühlsbetont
konzentriert locker
korrekt flapsig

Da mag jeder seine eigenen Schlüsse draus ziehen. Interessant ist noch, dass das weiter oben zuletzt genannte Argument für den Freispruch (“Notwehr ist bei eingennützigem Handeln erlaubt, nicht aber bei uneigennützigem Handeln”) nicht im Rahmen der Verteidigung vorgebracht wurde, sondern im Rahmen der Urteilsbegründung. Da das Urteil “Freispruch” lautete, haben wir leider nicht die Urteilsbegründung für einen Schuldspruch gehört. Das wäre sicher interessant gewesen.

Hinweise

Am 17.10.2016 zeigt die ARD eine TV-Version des Theaterstücks mit anschließender Diskussion bei “Hart aber fair”.

Sehr sehenswert ist der Klassiker “12 Angry Men” aus dem Jahr 1957 von Sidney Lumet, der sich mit der Problematik beschäftigt, dass Mehrheitsentscheidungen nicht unbedingt gerecht sein müssen. Der Film ist in Englisch:

Und hier ist die deutsche Verfilmung dieses Klassikers aus dem Jahr 1963, mit Siegfried Lowitz u.a.: